Nach dem Kaiserschnitt wurde ich auf die Entbindungsstation gebracht. Wenig später kamen meine Zwillinge in einem Babybett zu mir. Ich werde nie vergessen, wie ich sie beide auf meine nackte Brust gelegt habe – Haut an Haut. Dieses erste Bonding war magisch. Ich weinte. Es war einer der schönsten und gleichzeitig emotionalsten Momente meines Lebens.
Während ich mit meinen Babys verbunden war, zeigte eine Krankenschwester meinem Mann, wo er die Babymilch (Beba Pre), Windeln, Mülltücher und alles Weitere findet. Sie erklärte ihm auch, wie man die Kleinen wickelt – das erste Mal für ihn. Es fiel ihm schwer, sie waren so winzig und zerbrechlich. Doch mit liebevoller Unterstützung der Schwester hat er es geschafft. Ich war so stolz auf ihn.
Zwei Kinder – zwei Starts ins Leben
Elias wog 2800 Gramm, Sofia 1800 Gramm. 1000 Gramm Unterschied – eine ganze Welt, wenn man so klein ist. Wir begannen direkt mit Zufüttern, ich legte sie immer wieder an, pumpte zusätzlich Muttermilch, um die Produktion anzuregen. Bei Elias klappte das wunderbar – bei Sofia leider nicht. Sie war zu schwach, um richtig zu trinken. Und trotzdem: Sie lächelte ununterbrochen.
Die Ärztin entschied, Sofia erst einmal zu beobachten. Beide Kinder schliefen in der ersten Nacht neben mir im Babybett. Ich fühlte mich vollständig – erschöpft, aber ganz.
Trennung nach 24 Stunden
Am nächsten Morgen – Besuch von meiner Mutter und meinem Stiefvater. Mein Blutdruck wurde kontrolliert, die Kaiserschnittnarbe begutachtet. Ich durfte endlich den Katheter loswerden, was Aufstehen und Bewegung leichter machte.
Doch dann kam die Nachricht: Sofia schafft es nicht allein. Sie wird auf die Intensivstation verlegt.
Ich war am Boden zerstört. Noch gestern lagen wir vereint auf meiner Brust – und heute sollte ich mein Kind abgeben? Ich weinte, nonstop. Elias, Sofia und ich – das waren wir. Und nun sollten wir getrennt werden?
Wir begleiteten sie zur Neonatologie. Sie wurde an Monitore angeschlossen, sondiert, künstlich ernährt. Sie war so klein, so tapfer. Und dieser Anblick – mein Baby mit Schläuchen, piependen Geräten, winzigen Atemzügen – das war das Schlimmste, was ich je gesehen habe.
Was ist eine Kinderintensivstation?
Die Neonatologie ist der Teil der Klinik, der sich um frühgeborene oder kranke Neugeborene kümmert. Babys, die zu früh geboren wurden (oft unter der 37. Schwangerschaftswoche), sehr leicht sind oder mit gesundheitlichen Problemen auf die Welt kommen, werden dort betreut. Auch termingerecht geborene Babys wie Sofia, die zu schwach zum Trinken sind, kommen dort hin.
Wer liegt dort?
- Frühchen, teilweise mit weniger als 1000 g Geburtsgewicht
- Babys mit Problemen beim Atmen, Schlucken oder Trinken
- Kinder mit Infektionen, Herzfehlern, neurologischen Auffälligkeiten oder Stoffwechselproblemen
- Zwillinge und Mehrlinge sind oft Gäste dort, weil sie häufig etwas früher kommen oder kleiner sind
Babys auf der Intensivstation:
- werden an Monitore angeschlossen, die Atmung, Herzfrequenz, Sauerstoffsättigung und Temperatur überwachen
- bekommen oft eine Magensonde, wenn sie noch nicht selbstständig trinken können
- werden per Infusion oder Sonde ernährt
- manche benötigen Beatmung oder eine Nasenbrille mit zusätzlichem Sauerstoff
- viele liegen in einem Inkubator (ein Wärmebett), um ihre Temperatur zu halten
- sie bekommen spezielle Pflege und sind unter ständiger ärztlicher Aufsicht
Wie fühlt sich das für Eltern an?
Ehrlich gesagt: wie ein Ausnahmezustand.
Man sieht das eigene Kind verkabelt, winzig klein, vielleicht von Maschinen abhängig. Es piepst ständig. Man ist oft machtlos, kann wenig tun – außer da zu sein.
Bonding auf der Intensivstation?
Ja, es ist möglich – auch wenn es erschwert ist. Es gibt:
- Känguruhen (Kangaroo Care): Haut-an-Haut-Kontakt mit Mama oder Papa, oft täglich empfohlen
- Sanftes Berühren und Sprechen, um die Bindung zu stärken
- Muttermilch geben oder pumpen, auch wenn das Baby sie per Sonde bekommt
Gerade bei Zwillingen ist es wichtig, dass sie – wenn möglich – auch Zeit miteinander verbringen dürfen. Manche Kliniken unterstützen das aktiv, andere weniger. Da hatte ich Glück!
Was macht das mit den Eltern?
Viele Eltern leiden unter emotionaler Erschöpfung, Schlafmangel, Ängsten oder sogar Trauma. Manche erleben postnatale Depressionen oder Anpassungsstörungen, gerade, wenn Rooming-in nicht möglich ist oder sie das Gefühl haben, ausgeschlossen zu sein. Leider ist die Versorgung der Mütter auf der Intensiv oft nicht vorgesehen – das System denkt in erster Linie an das Baby, weniger an die ganze Familie.
Leben auf der Babyintensivstation
Wir besuchten sie regelmäßig, brachten Muttermilch, hielten ihre Hand, sprachen mit ihr. Und immer wieder – dieses Lächeln. Ich sah andere Eltern, andere Babys. Manche lagen dort schon seit Monaten, wartend auf den Tag, an dem sie ihr Kind endlich mit nach Hause nehmen dürfen.
Es war ein Ort voller Hoffnung und Schmerz zugleich. Man hört dort viel: Maschinen, Piepen, das Atmen kleiner Lungen – aber auch Mutterstimmen, die Kraft schenken, obwohl sie selbst am Limit sind.
Trennung geht nicht – besonders nicht bei Zwillingen
Nach drei Tagen war ich soweit entlassen zu werden. Elias auch. Aber Sofia durfte nicht mit.
Ich konnte das nicht akzeptieren. Wie sollte ich nur mit einem Baby nach Hause gehen? Was ist mit dem Bonding? Nicht nur zu mir – auch zwischen den beiden?
Zwillinge sind nicht nur Geschwister. Sie sind Seelenpartner. Schon im Bauch haben sie sich berührt, gespürt, getreten, beruhigt. Ihre Bindung beginnt lange vor der Geburt. Studien zeigen, dass Zwillinge sich gegenseitig regulieren – körperlich wie emotional. Ihre Nähe ist heilsam.
Ich sprach mit dem Arzt. Ich flehte. Ich erklärte: Man kann sie nicht trennen. Nicht mich von ihr. Nicht sie von ihrem Bruder.
Der Arzt war verständnisvoll – und ermöglichte mir ein „Rooming-in“-Zimmer auf der Intensivstation. Ich war erleichtert.
Von wegen „Rooming-in“
Erleichterung wich Entsetzen, als ich das Zimmer sah: ein Zwischenraum neben der Intensiv, kein Bad, keine Dusche. Die Maschinen piepsten ununterbrochen. Ich konnte nicht schlafen, nicht durchatmen.
Ich weinte. Viel. Lange.
Besuche meines Mannes waren nur zu bestimmten Zeiten erlaubt. Es fühlte sich an wie eine kontrollierte Zone. Ich dachte bei mir:
„So streng wie bei der Stasi – nur mit Windeln statt Akten.“
Nach fünf Tagen, in denen ich kaum geschlafen, geduscht oder gegessen hatte, schickte man mir einen Psychiater, eine Sozialarbeiterin und den Chefarzt. Ich sei „auffällig“.
Kein Wunder. Ich war seelisch am Limit.
Und dann die Krönung: Für diese „luxuriöse“ Woche Rooming-in wurde meiner privaten Versicherung eine Rechnung von 15.000 Euro gestellt.
Kein Witz. Für ein fensterloses, lautes Zimmer ohne Bad.
Hätte ich das als gesetzlich Versicherte überhaupt bekommen?
Ich glaube nicht. Und das ist traurig. Denn das, was mir da „verkauft“ wurde, war kein Luxus – sondern das, was jeder Mutter zustehen sollte: Nähe zum eigenen Kind.
Der nächste Schlag: Leistenbruch
Bereits kurz nach der Geburt hatte der Kinderarzt bei Elias einen Leistenbruch vermutet. Die Diagnose wurde nun bestätigt. Uns wurde geraten, zur Kinderklinik nach Karlsruhe zu fahren – innerhalb der nächsten zwei Wochen sollte operiert werden.
Es fühlte sich an wie ein weiteres Puzzlestück in diesem intensiven Start ins Elternsein.
Endlich nach Hause
Nach der finalen Untersuchung – ich mit 140 kg, Elias mit 3000 g, Sofia mit 2100 g – durften wir nach Hause.
Gemeinsam.
Ich war erschöpft. Leer. Aber auch unendlich dankbar. Wir waren vereint.
Deine Gedanken?
Kennst du solche Momente auf der Intensivstation? Hast du Erfahrungen mit Frühchen, Rooming-in, Privatpatienten-Wahnsinn oder dem besonderen Bonding von Zwillingen?
Bleib Teil meines Zwillingsglücks
Wenn du keine meiner Geschichten verpassen willst – ob chaotisch, traurig oder herzerwärmend – dann:
Bleib gespannt: In meinen nächsten Kapitel , schreibe ich über die Leistenbruch-OP sowie die ersten 8 Wochen im Wochenbett…
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