Zwischen Datteln und Trotzphase – Unser Ramadan als deutsch-marokkanische Familie

Jedes Jahr grüßt das Murmeltier- bei uns der Ramadan. Diesmal mitten in der Trotzphase und einem stornierten Geburtstag.

Ramadan bei uns ist kein Pinterest-Ramadan.Keine perfekt inszenierte Iftar-Tafel,keine Großfamilie, die bis Mitternacht zusammensitzt.

Ramadan bei uns bedeutet:

Mein Mann fastet.

Ich schmiere Brote für zwei 2,5-jährige Energiebündel.Und irgendwo zwischen Wutanfällen und Datteln versuchen wir, diesen Monat gemeinsam durchzuhalten.

Ich faste nicht.Unsere Zwillinge natürlich auch nicht – ihre spirituelle Hauptaufgabe ist aktuell, den Joghurt nicht absichtlich auf dem Boden zu verteilen.

Und genau darin liegt unsere Realität:

Ramadan wird bei uns nicht von allen gleich gelebt. Aber er betrifft uns alle.

Was ist Ramadan eigentlich genau?

Der Ramadan ist der neunte Monat im islamischen Mondkalender und gilt als heiligster Monat im Islam. In diesem Monat wurde nach islamischer Überlieferung der Koran offenbart.Gefastet wird von der Morgendämmerung (Fajr) bis zum Sonnenuntergang (Maghrib).

Was das bedeutet:

kein Essen kein Trinken – auch kein Wasser kein Rauchen keine Intimität tagsüber.Aber Ramadan ist kein religiöser Diät-Plan.

Es geht um:

Selbstdisziplin,Geduld,Dankbarkeit Nächstenliebe,Gebete und spirituelle Reflexion.

Wer sich sachlich einlesen möchte, findet gute Infos hier:

Ramadan

Was diese Seiten nicht erzählen: Wie es sich anfühlt, wenn nur ein Teil der Familie fastet – und der Rest genüsslich Burger und Popcorn isst.

04:28 Uhr – Sein Ramadan beginnt in der Stille

Der Wecker klingelt und er steht auf zum Suhoor, der Mahlzeit vor Sonnenaufgang. Er schleicht in die Küche, damit die Kinder nicht wach werden.

Er sitzt allein am Tisch.

Datteln. Wasser.

In Marokko mit seiner Familie wäre es definitiv anders.Dort stehen viele Haushalte gleichzeitig auf. Man weiß: Die Nachbarn sind auch wach. Man ist Teil eines gemeinsamen Plans.

Hier in Deutschland ist es dunkel,totenstill und die Bordsteine sind noch hoch geklappt.Niemand sonst ist gerade bewusst wach- außer er muss zur Frühschicht-

Ich glaube, genau in diesen Momenten fühlt sich Ramadan für ihn am einsamsten an.

07:00 Uhr – Willkommen im Kleinkind-Ramadan

Unsere Zwillinge sitzen am Tisch.

„Papa Müsliii!“

„Papa trinken!“

Sie halten ihm ein Apfel vors Gesicht und ich mache mir erstmal ein Kaffee.

Und ja – es fühlt sich komisch,weil ich sehe, wie viel Disziplin es ihn kostet.

Der Alltag läuft – nur er nicht im selben Rhythmus

In Marokko verändert Ramadan den gesamten Tagesablauf. Nachmittage sind ruhiger, Abende lebendig. Moscheen sind voll, Straßen voller Energie.

Hier läuft alles stink normal weiter. 24/7 Same Same but different.Er fastet in einem Land, das nicht mitfastet.Und ich glaube, genau das ist die eigentliche Herausforderung.

Das Gebet – sein innerer Anker

Fasten ist sichtbar.Beten ist leise –

Neben den fünf täglichen Pflichtgebeten wird im Ramadan besonders viel gebetet. Viele Muslime lesen im Laufe des Monats den gesamten Koran durch.

Dann ist da noch der Kulturunterschied-

Damit ihr wisst was ich meine – Ich habe bald Geburtstag.Mein Wunsch war simpel: Ein Wochenende mit meinem Mann in Hamburg. Hotel. Frühstücksbuffet. Ausschlafen. Einfach wir.

Wir haben ein 4 Sterne Hotel gebucht direkt am Hafen.Ich habe mich riesig gefreut.Doch am nächsten Tag ,nach dem Sport – der schlag direkt in die Fresse.

Er sagt: „Ich habe schlechte Neuigkeiten.“Ich weiß nicht wie ich es dir sagen soll.

Mein Kopf spielte sämtliche Katastrophen durch.ohaaaaaa!

Jemand gestorben?

Nein.

Wir müssen Hamburg stornieren. Der Ramadan beginnt dieses Jahr eine Woche früher.“

Ich stand da und sagte:

Das ist jetzt nicht dein Ernst, jetzt muss ich erstmal duschen und nachdenken.

Ein Städtetrip ohne Frühstücksbuffet?

Ohne gemeinsamen Kaffee?

Mit gereizter Stimmung am Nachmittag?

Ich fühlte mich ehrlich gesagt mega verarscht.Aber genau in diesem Moment habe ich verstanden, wie wichtig ihm dieser Monat ist.

Er hätte es durchgezogen.Aber es wäre nicht dasselbe gewesen. Für ihn nicht.Für mich nicht.

Also Planänderung:

Mädels-Trip mit meiner Schwester von einer anderen Mutter.Und ja – ich freue mich darauf.

Aber dieser Moment hat mir deutlich gezeigt: Ramadan ist für ihn keine Option. Es ist Priorität.

Was passiert, wenn man Ramadan nicht durchhält?

Ramadan ist Pflicht für gesunde erwachsene Muslime. Aber der Islam unterscheidet klar.

Wenn man nicht kann:

Krankheit, Schwangerschaft, Stillzeit, Reise oder gesundheitliche Schwäche sind Gründe. Die Tage werden nachgeholt oder – wenn das dauerhaft nicht möglich ist – Bedürftige werden gespeist (Fidya).

Wenn man absichtlich ohne Grund bricht.Dann muss der Tag nachgeholt werden und in bestimmten Fällen ist zusätzlich eine Sühne (Kaffara) vorgesehen – etwa 60 Tage fasten oder 60 Bedürftige speisen.

Der Ramadan ist seine Verbundenheit zu seinem Glauben und zu seiner Heimat. Aber ich sehe auch seine Sehnsucht.

Ramadan in Marokko ist ihre Art gemeinschaftlich zu leben.Hier fastet er in einem Land, das weiter frühstückt und Fragen stellt.

Dein Mann macht Ramadan? Und du?

Aber er trinkt doch Wasser oder?

Betet er auch?

Ja, Er betet in einem Umfeld, das diesen Rhythmus nicht teilt.Und manchmal glaube ich, er vermisst weniger das Essen – als das Gefühl von Gemeinsamkeit.

Wie ich mich fühle:

Am Anfang läuft es geschmeidig, es ist noch nichts spürbar.Dann in der Mitte spürt man die aufbauenden Spannungen zwischen uns. Da heißt es, besser gehe ich ihm etwas aus dem Weg. Und am Ende, da denke ich: gib der Diva endlich ein Snickers!

Ich stehe da echt voll dazwischen. Zwischen Respekt und Distanz. Zwischen Bewunderung und Frust.Diesen einen Monat kann ich nicht mit ihm teilen. Dafür aber 11 weitere.

Das wäre für mich unvorstellbar:

Kein Essen und Trinken mit Zwillingen und Wutanfällen. Da würde es bei uns richtig explodieren. (Fast wie bei Tchernobyl..)

Dann ist es soweit: Iftar – der verbindende Moment

Kurz vor Sonnenuntergang wird es ruhiger.Dann gibt es für ihn endlich Datteln und Wasser und von mir ein Lächeln. Nun beginnt für ihn der Tag und wir gehen ins Bett.

Mein Fazit:

Unser Ramadan ist nicht wie in Marokko.Er ist mit Trotzanfällen, Müdigkeit – und stornierten Hamburg-Trips.

Vielleicht fühlt er sich manchmal allein im Fasten. Aber nicht allein im Leben. Und vielleicht ist genau das unsere Balance zwischen zwei Kulturen:

Nicht alles gleich zu leben –

aber einander zu respektieren wie er nun mal ist!

Jetzt interessiert mich:

Habt ihr schon einmal Pläne geändert, weil Religion oder Kultur plötzlich Priorität hatte?

Und wie erklärt ihr euren kleinen Kindern solche Themen?

Ich freue mich auf eure Gedanken in den Kommentaren.

Bis Baldi.



Hinterlasse einen Kommentar